„Billie Jean ist ein Bluessong“

Interview mit Syl Johnson


Wie waren deine Anfänge in Chicago?
Ich bin zwar in Mississippi geboren, übersiedelte aber Anfang der Fünfziger nach Chicago. In Wahrheit folgte ich demselben Weg wie Generationen Schwarzer vorher, nämlich der Feldarbeit und der Armut zu entkommen und bessere Lebenschancen in der Stadt vorzufinden. Außerdem war meine Mutter bereits vorher nach Chicago gezogen, ebenso mein Bruder Jimmy. Auschlaggebend war also eigentlich – wenn ich es genau überlege – meine Mutter. Mein Bruder Matt und ich reisten ihr nach.

Hast du erst in der Windy City mit dem Blues begonnen?
Nein. Musik machte ich bereits vorher in Mississippi. Gitarre und Harmonika waren dabei schon damals meine Instrumente.Du hast in jener Zeit mit zahlreichen Großmeistern des Blues gearbeitet, unter anderem mit Jimmy Reed. Ich kann mir vorstellen, daß das nicht immer einfach war.Da hast du absolut Recht. Jimmy Reed war ein exzellenter Musiker, aber sein Problem war der Alkohol. Er war ständig betrunken, und unter diesem Aspekt gestaltete sich die Zusammenarbeit mit ihm eher schwierig. Ich habe aber auch mit Muddy Waters, Junior Wells, Billy Boy Arnold oder Magic Sam gespielt und mit John Lee Hooker gemeinsam eine Platte aufgenommen. An letzteres können sich heute nur mehr die wenigsten erinnern.


Warum bist du in den Sechzigern vom Blues in den Soul gewechselt?
Das war – gerade auch im Chicago dieser Ära – keine ungewöhnliche Sache. Soul war eine Musik, die damals aus der Jugend kam, ihrem Zeitgefühl besser entsprach als etwa der Countryblues. Da ich zu dieser Jugend zählte, ergriff auch mich das Soulfeeling. Es enstprang einer ganz natürlichen Entwicklung. Dem Soul habe ich letztlich äußerst viel zu verdanken. Immerhin hatte ich etliche große Hits damit.Berühmt bist du vor allem auch durch deine Aufnahmen für das Hi-Label in Memphis geworden.

Welche Erinnerungen verbindest du in diesem Zusammenhang mit Willie Mitchell?
Nun, da kann ich nicht viel sagen, außer daß er ein großartiger Produzent war und ich keine Probleme mit ihm hatte. Die Kooperation gestaltete sich sehr gut.

Du bist dann zwischenzeitlich aus dem Musikbusiness vollkommen ausgestiegen?
Ja. Ich war sehr enttäuscht und hatte von der Musik einfach genug. Ich glaube – wie ich schon gesagt habe –, auf einige wirklich große Hits zurückschauen zu können, aber trotzdem hat man mich nicht immer besonders gut behandelt. Das traf mich damals tief. Also kehrte ich der Musik den Rücken und begab mich ins Restaurantgeschäft, wo ich es zu einer eigenen Seafood-Kette gebracht habe.Durch Rap und HipHop-Samples ist dein Name in den Neunzigern wieder in die musikalischen Schlagzeilen gelangt.

Hat es dich gestört, daß sich fremde Leute an deiner Musik bedienten?
Nicht im geringsten. Du mußt wissen, daß ich relativ rasch gelernt hatte, Copyright-Formulare auszufüllen und die notwendigen sechs Dollar zu bezahlen. Ich besitze also die Rechte an meinen eigenen Songs. Dadurch konnte sich niemand an meiner Musik bedienen, ohne dafür zu bezahlen. Außerdem liebe ich die meisten dieser Versionen, die meine Musik in eine neue, zeitgemäße Form einbinden. Mein eigenes „Ms. Fine Brown Frame“ war im übrigen bereits Anfang der achtziger Jahre eine Verbindung von Blues, Soul und Rap. Ich bin der am meisten gesampelte Musiker, wußtest du das? Zuletzt habe ich 137 Samples meiner Songs gezählt, von MC Hammer bis Ice Cube und Ice T, Dr. Dre, Toneloc und wie sie alle heißen. Wu Tang Clan haben nicht weniger als elf meiner Songs verwendet und hatten sehr großen Erfolg. Manche verkauften mit Samples meiner Tracks bis zu vier Millionen Platten. Auch Jonny Lang hat auf „Lie To Me“ einen meiner Songs gecovert.

Arbeitest du viel mit deiner Tochter Syleena?
Ja, sie hat eine wunderbare Stimme und ist außerdem verdammt hübsch. Du kannst sie zum Beispiel auf meinem Album „Bridge To A Legacy“ hören. Sie wird übrigens demnächst, ich glaube im Juni, ein eigenes Album auf Jive Records herausbringen. Musik liegt bei uns eben in der Familie.Apropos Famile.

Spielst du noch mit deinem Bruder Jimmy?
Auch das. Von uns beiden wird in Bälde ein gemeinsamer, neuer Tonträger erscheinen, und zwar auf Ruf Records, glaube ich. Wir werden im Juli mit den Aufnahmen beginnen. Mein jüngstes Album habe ich ja für ein kleines, schwarzes Label, Hep’ Me Records, eingespielt. Aufgenommen wurde die Platte in meinem eigenen Studio, und bis hin zur Produktion habe ich sehr viel selbst übernommen, es sind aber auch etliche Livemusiker dabei.

Beinhaltet der Blues für dich eine besondere Philosophie, die ihn von anderen Musikstilen abhebt?
Blues ist wie ein Octopus. Er breitet seine Arme in viele Richtungen, hat viele Schattierungen, bis hin zu Motown. Nimm etwa Michael Jacksons „Billie Jean“. Das ist unzweifelhaft Blues und außerdem der beste Song, der je geschrieben wurde. Das ist nicht Pop, sondern Blues. Was bedeutet denn „Pop“? „Pop“ heißt nichts anderes, als daß sehr viele Menschen diese Musik mögen. Also kann Blues ebenso Pop sein, wie Country und andere Stile. Das ist das Wesen des Pop. Im R’n’B wird der Rhythmus als bestimmendes Element dem Blues beigefügt. Jazz wiederum ist ebenfalls Blues.

Interview: Dietmar Hoscher

 

Fortsetzung Interview Johnny Johnes (bitte anklicken)

 

 

 

 

 

 

 

 

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Syl Johnson live im Wiener Reigen
Foto: Wolgang Gonaus

 

 

 

 

 

 

 


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Syl Johnson

Foto: Wolgang Gonaus

 

 

 

Aktuelle CD:
Syl Johnson "Bridge To A Legacy",
Antones Records, ANT 0041, Vertrieb: Warner Music