| Saxophon-Gottes
Sohn Ravi Coltrane ... war gerade zwei Jahre alt, als sein Vater, der Tenor- und Sopransaxophon-Gigant John Coltrane verstarb. Im Alter von 35 Jahren schickt sich Ravi Coltrane an, nun auch in Europa einen eigenen Namen als Musiker zu verschaffen, ohne in die überdimensionalen Fußstapfen seines Vaters zu steigen. Kein leichtes Unterfangen, denn Ravi Coltrane spielt Tenor- und Sopransaxophon ... Nach dem Tode ihres
Mannes zog Alice Coltrane mit den Kindern von New York nach Kalifornien, um diese nicht
mit dem Mythos ihres Vaters aufwachsen zu lassen. Im San Fernando Valley wußte kaum
jemand mit dem Namen Coltrane etwas anzufangen, und so war es Ravi vergönnt, wie ein
normaler Junge aufzuwachsen. Alice Coltrane stellte sicher, daß zu Hause
unterschiedlichste Musik zu hören war, aber da sie keines ihrer Kinder dazu drängte ein
Instrument zu lernen, begann Ravi erst in der Highschool-Band Klarinette zu spielen. Der
Tod seines älteren Bruders John jr. bei einem Verkehrsunfall bedeutete nach seinen
Angaben einen Wendepunkt in seinem Leben. Er hörte auf, Musik zu spielen und arbeitete in
verschiedensten Jobs.Dann, mit etwa 20 Jahren, begann er sich seriös für die Musik
seines Vaters zu interessieren, mit der er zwar in den Grundzügen vertraut war, die aber
für ihn zuvor nie einen besonderen Stellenwert inne gehabt hatte. Plötzlich bekam Jazz
für ihn jedoch jene Bedeutung, die notwendig ist, um Musiker zu werden und er beschloß,
sich am California Institute of the Arts einzuschreiben und Saxophon zu studieren. Dort
begann ihn seine Abstammung einzuholen, und er sah sich als mit 21 Jahren bereits
Spätberufener mit einer Menge Studenten konfrontiert, die mehr über die Musik
seines Vaters wußten als er selbst. Ravi Coltrane blieb jedoch auf dem Boden der
Tatsachen und sah sich nur als ein Student unter vielen, der sein Instrument lernen
wollte.Nach Abschluß des Studiums zog es ihn 1991 wie so viele junge aufstrebende
Musiker wieder nach New York, und es fiel ihm nicht schwer, prominente Mitspieler
zu finden. Jack DeJohnette, Joanne Brackeen, Joe Lovano, Graham Haynes und Wallace Roney
um nur einige zu nennen erkannten das Talent des Saxophonisten mit dem so
geschichtsträchtigen Namen. Vor allem ehemalige Kollegen seines Vaters wie Elvin Jones
oder Rashied Ali wünschten sich aber wohl zu sehr eine Inkarnation des Genius
seines Vaters in seiner Person, und Ravi konnte diese Erwartungen verständlicherweise
nicht erfüllen. Sein Spiel wirkte innerlich zerrissen, und er saß künstlerisch zwischen
zwei Stühlen, denn soviel die ehemaligen Begleiter seines Vaters ihm auch Wissen und
Erfahrungen vermitteln konnten, sowenig vermochten sie ihm zu helfen, seiner eigenen Musik
Ausdruck zu verleihen.1993 traf Ravi Coltrane Steve Coleman und war spontan von dessen
Vorstellungen von Musik begeistert. Mit ihm als Mentor gelang es Ravi konsequent, seine
eigene musikalische Sprache zu entwickeln und seine Talente abgekoppelt vom schier
übermächtigen Geist seines Vaters zu entwickeln. Nach zahlreichen Produktionen als
Sideman war es schließlich 1998 soweit, daß Ravi mit Moving Pictures seine
erste CD als Leader bei BMG France herausbrachte. Die Wahl des Labels war insofern klug
getroffen, als das französische Department von BMG Ravi Coltrane die selben Freiheiten in
künstlerischen Belangen einräumte, wie vor ihm Steve Coleman. Mit Ralph Alessi (tp),
Michael Cain (p), Lonnie Plaxico (b) und Jeff Tain Watts (dr) standen ihm
ausnahmslos erstklassige Musiker zur Verfügung, und das Debüt-Album geriet zwar beim
ersten Hineinhören nicht spektakulär, es zeigte jedoch bereits klar das Talent eines
jungen Mannes, der sich eben der tonnenschweren Bürde des Namens seines musikalisch
gottgleichen Vaters zu entledigen begann.Mit kultiviertem, melodiösem, zeitgenössischem
Jazz ist Ravi Coltrane weder ein Neuerer noch ein Plagiator. Er spielt die Musik, die
seinem Naturell entspricht. Während sein Vater mit hymnischer Intensität und
spiritueller Kraft seine Musik in höhere Sphären trieb, agiert Ravi Coltrane mit einer
Coolness, die keineswegs kalt läßt. Er schafft als Komponist und Bandleader wie
als Saxophonist Musik, die im Fluß ist. Die musikalische Weiterentwicklung ist
auch auf seinem heuer erschienenen zweiten Album From The Round Box erfaßbar.
Er übernimmt als Leader die Verantwortung, wo notwendig, und überläßt doch seinen
Mitspielern soviel Freiheit im Ausdruck wie möglich. Mit Ralph Alessi (tp), Geri Allen
(p), James Genus (b) und Eric Harland (dr) beweist er zwischen Standards von Monk, Wayne
Shorter, James Carney und Ornette Coleman sowie Eigenkompositionen deutlich mehr
Relaxtheit und Selbstsicherheit bei fühlbar höherer musikalischer Dichte. Verantwortlich
dafür ist zu einem nicht unwesentlichen Teil die Tatsache, daß es ihm stärker als zuvor
gelang, seine eigene Persönlichkeit in die Musik einzubringen. |
Ravi Coltrane
Ravi Coltrane wird am 2. November 2000 seinen
einzigen Österreich-Auftritt absolvieren. Spielort: Sargfabrik, Goldschlagstr. 169, 1140
Wien, Info/Vorverkauf: Sargfabrik Wien: 01/988 98-111
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