Österreich, genauer gesagt das Außenministerium mit seiner Abteilung Entwicklungszusammenarbeit (ÖEZA) und die Non-Government-Organisation Wiener Institut für Entwicklungsfragen und Zusammenarbeit (VIDC), finanzierten ein einzigartiges Pilotprojekt in der weltweiten Entwicklungszusammenarbeit, nämlich ein großzügig angelegtes Kulturzentrum für Musik, Tanz und Theater in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Die offizielle Eröffnungsfeier in Form eines Festivals ging Mitte Februar über die Bühne.
Uganda allgemein. Das in Ostafrika liegende Uganda wird im Süden vom Äquator gestreift sowie von Tansania, Ruanda und dem berühmten Viktoriasee - dem zweitgrößten Binnensee der Welt - begrenzt. Der Osten wird durch Kenia, der Norden durch den Sudan und der Westen durch die Republik Kongo begrenzt. Uganda ist ungefähr dreimal so groß wie Österreich (241.000 km2 und 24 Mio. Einw.). Die Unabhängigkeit vom britischen Königreich wurde am 9. Oktober 1962 erreicht.
Der größte Teil der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft (Bananen, Kaffee, Tee, Zuckerrohr). Die Alphabetisierungsrate beträgt immerhin über 70%. Die USA hatten sich unter Präsident Clinton bereit erklärt, die Finanzierung der gesamten Grundschulausbildung (Primary Schools) auf Dauer zu übernehmen. Seitdem boomt das Schulwesen. Mehr als 80% der Bevölkerung leben jedoch in Armut und von kaum mehr als einem Euro pro Tag. Hungersnot kannte und kennt das Land jedoch kaum, denn das tropische Klima wird durch die Höhenlage gemildert und kre-iert ein fruchtbares Grün. Feuchtsavannen, Grasland und Papyrussümpfe sowie 8% tropischer Regenwald beherrschen das Landschaftsbild. Uganda ist eine Präsidialrepublik mit ca. 50 Distrikten. Die Landessprache ist Englisch.
Die ersten Kontakte. Die Kontakte Österreichs zu Uganda reichen in die Anfänge der 80er Jahre zurück. Damals war der heutige Präsident Museveni noch im Guerilla-Kampf gegen Diktatur Milton Obote engagiert. Vor seiner Machtübernahme im Jahre 1986 suchte Museveni einen neutralen Boden, um Rahmenbedingungen für eine neue Verfassung auszuarbeiten. Er wurde fündig in dem im Weinviertel gelegenen Ort Unterolberndorf (ja, richtig gelesen!), wo er sich mit namhaften, damals in Wien lebenden Ugandern zwei Wochen lang einquartierte, um ein 10-Punkte-Programm für die zukünftige ugandische Demokratie auszuarbeiten. (Das Treffen war klarerweise geheim. Die Wirtin des Hauses "Zum grünen Jäger" sollte dann ein Jahr später, als Museveni die Macht übernommen hatte, als Dank zu einem Staatsbesuch nach Uganda eingeladen werden. Klingt wie ein Märchen, ist aber keines).
Die grundlegenden Kontakte der neuen Regierung Musevenis zu Österreich waren somit gelegt und wurden in den kommenden Jahren intensiviert. Nicht zuletzt durch die damalige ORF-Journalistin Dolores Bauer, die während des Guerilla-Kriegs gegen Obote aus Uganda berichtete und gute Kontakte zum damaligen Anführer Museveni pflegte. Sie war es, die im Jahre 1986 eine österreichisch-ugandische Plattform gründete, der sich überraschenderweise viele namhafte Personen aus Politik, Wirtschaft und anderen Interessensverbänden anschlossen. Zu Beginn der 90er Jahre wurde ein Regionalbüro für Entwicklungsfragen in Kampala errichtet. Ab 1995 wurde Uganda zum Schwerpunktland der ÖEZA ernannt und löste damit Nicaragua ab. Das bedeutete in Folge, dass Österreich seither zwischen 6 und 10 Mio. Euro jährlich in das Land investiert. Ein Kulturprojekt zu fördern, war zu dieser Zeit kein Thema, man förderte Landwirtschafts-, Wasser- und Infrastrukturprojekte.
Eine Initialzündung
1992 lud die damals ins Leben gerufene VIDC die ugandische Tanzperformance-Gruppe Ndere Troupe nach Österreich ein, im gleichen Atemzug präsentierte man eine große Ausstellung ugandischer Künstler, "Ugandian Modern Art" im 1. Wiener Gemeindebezirk. Die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit wurde hellhörig und erkannte, wie effektiv es ist, über derartige kulturelle Initiativen auch Informationen über die Entwicklungsarbeit in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Non-Profit-Organisation VIDC wiederum hatte sich als Ziel gesetzt, nicht nur in Österreich die Kultur der Ugander zu kolportieren, sondern auch einen kulturellen Nährboden in Uganda selbst zu schaffen, um der Vielfalt der ugandischen Kultur zum Blühen zu verhelfen - sozusagen Hilfe zur Selbsthilfe.
In der Ndere Troupe, die sich großteils aus Straßenkindern rekrutiert, erhalten die Jugendlichen nicht nur eine traditionelle Ausbildung in Tanz und Performance, sondern auch den nötigen sozialen Halt sowie eine automatisch folgende Aufwertung des Selbstbewusstseins. Die Ndere Troupe avancierte im letzten Jahrzehnt zu einer international renommierten Performance-Truppe, die sowohl im eigenen Land als auch im Ausland höchstes Ansehen genießt. Unter anderem besuchte man bereits Länder wie Japan, die USA, die Niederlande, Österreich und Libyen.
Den idealen Ansprechpartner fanden die Österreicher im Vorsitzenden der Ndere Troupe, Stephen Rwangyezi. Rwangyezi rief neben der Ndere Troupe auch die Ugandian Development Theatre Associations ins Leben, die sich als Ziel gesetzt haben, ein landesweites Netzwerk an traditionellen Tanz- und Theatergruppen zu bilden. Ein nicht leichtes Unterfangen, da Uganda aus 40 verschiedenen Volksgruppen mit zum Großteil völlig verschiedenen Sprachen und Kulturen besteht. (Ein Umstand, der in vielen Teilen Afrikas anzutreffen ist). Eine politisch-historisch entstandene Landesgrenze heißt eben noch lange nicht, eine vereinte, an einem Strang ziehende Nation zu sein. Und genau an diesem Punkt hakte die VIDC in Kooperation mit der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit ein. "Das Hauptziel war es, die Vernetzung im gesamten Land zwischen den verschiedenen Kulturgruppen zu fördern und die Aufführung von Theaterproduktionen, die brisante Themen wie z.B. den ökologischen Landbau, die Gleichberechtigung der Frau oder Aids zum Inhalt hatten, zu unterstützen", meint Dr. Michael Stadler von der VIDC. Die Ndere Troupe wurde mit Bus und produktionstechnischem Equipment ausgerüstet und zog durchs Land, wobei sie neben den Vorstellungen auch Workshops veranstaltete und neue Performance-Gruppen gründete. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinweisen, dass nur 3 % der Bevölkerung am Land Strom beziehen, weniger als 1% einen Fernseher besitzt. Umso wichtiger erschien daher der Transport an Informationen über eine kulturell-unterhaltsame Schiene.
Zusätzlich zur Förderung der "Software", wie es Michael Stadler bezeichnet, wurde bald die Idee einer dafür notwendigen"Hardware" laut, sprich: der Bau eines Kulturzentrums in der Hauptstadt Kampala. Nachdem Aufgaben, Kriterien und Ziele zwischen Österreich und Uganda abgesteckt worden waren, konnte man mit dem Bau im September 2001 beginnen. Das Regionalbüro der ÖEZA in Kampala beauftragte einen britischen Architekten sowie lokale Baufirmen, um das Projekt zu realisieren. Man kann sich vorstellen, dass der Bau eines derart großzügig geplanten Zentrums nicht ohne Hürden ablief. Etliche verwaltungstechnische und architektonische Hürden hieß es zu bewältigen, eine weitere Hürde war die 50%ige Streichung des ÖEZA-Budgets in den vergangenen beiden Jahren aufgrund der Sparmaßnahmen der österreichischen Regierung. Das alles verzögerte das Projekt, an ein Aufgeben dachte jedoch niemand.
Die Eröffnung des Ndere Cultural Centre
Die Uganda Development Theatre Association (UDTA) hält seit 1997 ein Tanz- und Musik-Festival ab. Auf Dorf- und Gemeindeebene - Local Councils genannt - finden zuvor Ausscheidungen statt, und die jeweils beste Gruppe präsentiert ihren Distrikt bei diesem Festival. Im Februar dieses Jahres war es endlich soweit: Zum ersten Mal konnte das Festival in der neuen Heimstätte, dem Ndere Cultural Centre, abgehalten werden.
Über 1000 Tänzer und Musiker wurden im neuen Ndere Cultural Centre fünf Tage lang verpflegt und untergebracht. Jede Gruppe erhielt einen eigenen Stand, wo sie sich der Öffentlichkeit präsentieren konnte. Im großen Amphitheater, das Platz für eintausend Besucher bietet, wurde mit Inbrunst und Freude getanzt, getrommelt und musiziert. Jede Gruppe war stolz und begeistert, sich vor einem großen Publikum präsentieren zu können. Eine Fachjury aus Universitätsprofessoren und Tanzexperten urteilte in einem strikten Punktesystem über die besten Gruppen- und Einzelleistungen.
Im Text des Programmheftes konnte man lesen: "Das diesjährige Festival steht unter dem Motto "Harvest" (Ernte). Die verschiedenen Kulturen aus aller Welt sind wie ein Garten mit reichhaltigen Früchten. Und je reichhaltiger dieser Garten ist, umso mehr kann jeder davon ernten. Und wir wollen bei diesem Festival gemeinsam ernten - mit der freundlichen Hilfe Österreichs."
Eröffnet
wurde das Festival mit einem farben- und rhythmusreichen Spektakel zahlreicher
Tanzgruppen aus Uganda und Mozambique. Die Eröffnungsreden hielten der Chef des
österreichischen Regionalbüros, Hans Schadauer sowie der Vizepräsident Ugandas, Gilbert Bukenya.
Auch Österreich war bei diesem Opening mit zwei interessanten austro-ugandischen Projekten präsent: mit der Chandiru Mawa-Group aus Wien (Chandiru Mawa ist Uganderin und emigrierte vor 10 Jahren nach Wien, wo sie eine Tanzgruppe gründete) und den beiden Musikgruppen Deishovida (Österreich) + The Big Five (Uganda). Beide Ensembles stehen für das Produkt eines langsam gewachsenen kulturellen Austausches, der schon seit Jahren gedeiht.
Die gesamten Bauten, bestehend aus Workshop- und Schlafräumen, einem Theatersaal, einem Restaurant- und Verwaltungsgebäude sowie einem Amphitheater sind harmonisch in das Grün des vier Hektar großen Areals eingebettet und wurden von Österreich mit 1,5 Mio. Euro komplett finanziert. Während der Dauer des Festivals hatten die unterschiedlichsten Kommunen aus ganz Uganda Gelegenheit, einander kennen zu lernen. Viele bemerkten, wie sehr ihre Traditionen einander ähnlich sind, andere erkannten wieder völlig neue Welten. Es waren fünf Tage, die Uganda für kurze Zeit eins werden ließen, ohne Sprachgrenzen, ohne kulturelle Grenzen - und ohne Rebellenkämpfe, die leider den Norden des Landes noch immer in Angst und Schrecken versetzen.
Was hier die kulturüberschreitenden Kräfte zustande brachten und hoffentlich noch viele Jahre zustande bringen werden, ist ein kleines Verdienst des kleinen Österreich. Dies steht in der europäischen Entwicklungszusammenarbeit als Pilotprojekt da.
Bei der Abschlussveranstaltung des Festivals ließ es sich Präsident Museveni nicht nehmen, persönlich zu erscheinen und den Österreichern zu danken. "Die Österreicher waren schon immer offen gegenüber anderen und waren außerdem nie Kolonialherren in Afrika", meinte der charismatische, intellektuelle, aber auch nicht unumstrittene Präsident Ugandas.
Es ist richtig, dass wir nie Kolonialherren waren, ob wir immer offen waren, lassen wir besser im Raum stehen. Dass sich Österreich bei diesem Projekt äußerst offen gezeigt hat, daran besteht aber kein Zweifel. In den dankbar glitzernden Augen der so herzlichen Ugander bestätigte sich die Sinnhaftigkeit jedes investierten Euro auf diesem langen und mühsamen Weg.
Bericht: Herbert Höpfl
Fotos: Heribert Corn (Meister des Weitwinkels)
Website:
Wiener Institut für Entwicklungsfragen und Zusammenarbeit:
www.vidc.org
Österreichisch-ugandische Freundschaft:
www.austria-uganda.at
ÖEZA: www.aussenministerium/eza
Ugandisches Konsulat in Österreich:
www.uganda.at
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