Black Sea Trio

Die Kunst der Spontanität


Den Veranstaltern des Waidhofner Musikfestes gelang es beim diesjährigen Festival gleich drei Ausnahmemusiker in Sachen Jazz zu präsentieren, von denen jeder einzelne das Publikum locker ein Konzert lang in Atem halten könnte: Anatoly Vapirov (Saxophon); geistiger Vater des Black Sea Trios. Der in der Ukraine aufgewachsene Musiker lebt seit 16 Jahren in Bulgarien. Er kreierte mit der Verbindung von Jazz und seinen osteuropäischen Wurzeln eine Art „neue Jazzphilosophie“. Enver Izmailov (Gitarre); der Krimtatare hat das Guitar-Tapping zu einer Kunst entwickelt, die ganz neue Aspekte des Instrumentes hörbar macht. Dichtverwobene Klänge und verzahnte Rhythmen entstehen mit zehn Fingern auf zwei bis drei Gitarren gleichzeitig.

Kornel Horvath (Percussion); der ungarische Multipercussionist hatte sich in den 70er-Jahren bereits als Flötist einen Namen gemacht. Er begeisterte in Waidhofen vor allem durch sein nuancenreiches Spiel auf dem Udu, einem vasenartigen Keramikinstrument, dem er ein unglaubliches Spektrum an Klangfarben und rhythmischen Feinheiten entlockte.
Im Black Sea Trio vereint, gelang es den Musikern mit einer vitalen Mischung aus Rhythmen, Melodien, Improvisationen und immer wiederkehrenden Anklängen an osteuropäische Folklore die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Hochkomplexe und zugleich spontane Musik – gleich einer Konversation, die bei der Sache bleibt und niemals in Belanglosigkeit ausfranst – ohne Manierismen und immer spannend.
Voll Überraschungen für das Publikum waren dann kurze Soloperformances, die sogenannten „Black Sea Solos“. Hier tobte sich jeder auf seinem Instrument so richtig aus und zeigte seine Spezialitäten und Vorlieben. Bei Ismailov konnte man manchmal nur mehr ahnen, dass er nur eine gewöhnliche Stromgitarre in den Händen hielt, mit der er wie entfesselt eine wahre Stil- und Klanglawine über sein Publikum hereinbrechen ließ. Von Cembalo bis Cello, von Barock bis Rock war da so ziemlich alles zu hören... Kornel Horvath wirbelte derart virtuos durch die Vielzahl seiner Instrumente, dass selbst für routinierte „Technik-Kiebitze“ keine Chance bestand, ihm auf die Finger zu schauen.
Die osteuropäischen Wurzeln des Trios klangen vor allem in den ruhigen, melodiösen Saxophon-Passagen von Vapirov deutlich durch. Die Verarbeitung dieses Materials in seinen freien Improvisationen entzog sich dann jeglicher Zuordnung, blieb aber immer transparent und nachvollziehbar.

Seit Mitte der 90er Jahre spüren wir in der Musikszene frischen Ostwind. Die Begegnung mit den Traditionen Osteuropas und des Balkanraumes wird von Musikern und Publikum gleichermaßen als große Bereicherung erfahren. Zahlreiche Veranstaltungen und Projekte laufen unter Titeln wie „Osthörweiterung“, „Ostklangerweiterung“, Ost-West-Dialog, usw... Ist diese Art von Etikettierung auch für die Musik des Black Sea Trios bezeichnend – gibt es für Sie so etwas wie „Ost-Jazz“ und „West-Jazz“?

Izmailov: Nein, Jazz ist für mich eine internationale Sprache. Ich bin sozusagen mit West-Musik aufgewachsen, mit den Beatles, mit Santana, mit Blues und Jazz. Ich habe in mehreren Rockbands gespielt. Erst später kam ich in Berührung mit den traditionellen Stilen der usbekischen und tatarischen Folklore. Vapirov: Für mich gibt es da schon lange keine Grenzen mehr – ist es amerikanischer Jazz, Ost-Jazz, Traditional-Jazz, Avantgarde- oder Freejazz? Für mich gibt’s nur Jazz oder nicht Jazz. Für unsere Musik, die „Spontanmusik“, ist das Wichtigste, mit wem du spielst, welche musikalischen Partner du hast. Es ist wirklich sehr schwer, gute musikalische Partner zu finden, sehr schwer... Viele Musiker spielen freie Musik, Avantgarde-Musik, haben aber keinen Bezug zu spontaner Musik. Diese Musik wird mit Melodik, Harmonik und Form auf der Bühne geboren – absolut alles! Wir beginnen gemeinsam, spielen gemeinsam, hören gemeinsam auf. Es gibt keine Proben, keine Besprechungen – alles spontan. Natürlich bringt jeder beim Musizieren seine Kultur ein – seine ungarische, russische oder bulgarische – aber die Frage, was ist was und woher kommt dies und so weiter hört im Konzertsaal auf. Es entsteht eine neue Musik im Augenblick. Wenn ich auf meine 40-jährige Bühnenkarriere zurückblicke, dann kann ich die Leute, mit denen ich wirklich gut und gerne spontan musiziere, an einer, maximal zwei Händen abzählen. Ich bin also sehr glücklich darüber, Enver und Kornel zu meinen Freunden zählen zu können.

Herr Izmailov, Ihre Familie wurde ja wie viele Krimtataren, Juden, Bulgaren und andere in einer Gewaltaktion über Nacht nach Usbekistan verbannt. In welchem Verhältnis stand damals das offizielle Sowjetsystem zur musikalischen Kultur der ethnischen Minderheiten?

Izmailov: Die offizielle musikalische Ausbildung im System war natürlich klassisch. Das Folkloristische gab es nur privat – die Leute spielten auf Hochzeiten und anderen Festen. Tatsächlich gibt es auf der Krim eine Unzahl musikalischer Einflüsse. Rumänisch, bulgarisch, tatarisch – eigentlich weiß man gar nicht so genau, wer was von wem hat. Die usbekische Musik ist da schon anders – es gibt eine andere Mentalität und einen anderen Sound. Ähnlich war es mit dem Jazz ... eine Privatsache.

Aber es gab doch eine kultivierte Jazztradition auf hohem Niveau, zum Beispiel in Leningrad. Hatten Sie da einen Austausch mit Westmusikern?

Izmailov: Ja, aber das gab es nur in den großen Städten... Vapirov: Das ist jetzt eigentlich meine Frage, denn ich komme aus Leningrad. 1965 spielte ich dort zum ersten Mal in einem Jazzclub, der damals schon zehn Jahre lang existierte. Dort gab es hauptsächlich traditionellen, amerikanischen Jazz – Dixieland, Bebop und dergleichen. Doch schön langsam bauten wir eine Avantgarde-Szene auf mit mehreren experimentellen Gruppen. Mein Freund Kyriochin und ich waren damals ein paar „komische Vögel“ in der traditionellen Leningrader Jazzszene.

Wie wichtig ist Ihnen eigentlich das folkloristische Element in Ihrer Arbeit?

Vapirov: Ich habe mich immer sehr für Folklore interessiert und war viel unterwegs mit Musikern aus allen Sowjetrepubliken. Ich habe so die Musik Asiens, des Kaukasus, des Baltikums und der Krim kennengelernt bis hinauf nach Sibirien, wo ich in irgendwelchen Dörfern auf ganz alte, russische Musik gestoßen bin. Natürlich sind das wirklich wichtige Einflüsse in meiner Musik – so wie Klassik und Jazz aus meiner Konservatoriumszeit.

Herr Horvath, was war der Grund, dass Sie so plötzlich von der Flöte zur Percussion gewechselt haben?

Horvath: Na ja, ganz so schnell ging es nicht. Irgendwie war ein technisches Problem, ein Monitor-Problem der Grund. In den Bands, in denen ich spielte, konnte ich mich nicht gut genug hören – das geht dann natürlich auf Kosten der Intonation. Außerdem gab es für Percussionisten viel mehr Jobs – obwohl es zu der Zeit in Ungarn nicht leicht war, Percussion zu lernen. Es gab da praktisch überhaupt keine Szene und schon gar keine Lehrer. Ich habe alles autodidaktisch erlernt von Platten und meine eigene Technik entwickelt. Latin Percussion war damals sehr interessant für mich.

Sie spielen unter anderem auch in einem reinen Percussionprojekt mit Stoyan Yankulov und Carlo Rizzo. Wie reagiert das Publikum auf diese spezielle Art von Musik?

Horvath: Nicht anders als in Konzerten mit gemischtem Instrumentarium. Oft sehr fasziniert und gespannt von Anfang bis zum Schluss. Für mich gibt es da auch keinen Unterschied im Zusammenspiel. Außerdem habe ich ja in Stoyan und Carlo zwei Partner, von denen eigentlich jeder auf seinem Instrument klingt wie ein ganzes Drumset – unglaublich! Ich bin sehr dankbar, mit ihnen musizieren zu können.

Text und Interview: Birgit Gabler
Fotos: Herbert Höpfl, Manfred Ergott


CD-Tipp:
Aktuelle CD:
• „Black Sea Trio – Live In Germany“, AVA 0013

Webtipp:
www.creative-music-of-east-europe.com

Contact/Booking:

Dimitier Panev
e-mail: panev@gmx.net
















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Das Black Sea Trio - nach dem großartigen Liveauftritt am Internationalen Musikfest Waidhofen/Thaya (Österreich) -  verarbeitet in spannender Weise Jazz und traditionelle Folkelemente aus Osteuropa und zählt momentan zu den besten Ensembles in dieser Richtung.















BlackSeaTrio2.jpg (9253 Byte) Saxophon-Virtuose Anatoly Vapirov.














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Enver Izmailov live in Waidhofen...
















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... auf seiner doppelten E-Gitarre.














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Multi-Perkussionist Kornel Horvath