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High End –
Party Time
„Wir sind, was meine/unsere
CD-Produktionen betrifft, in den letzten Jahren eigentlich sehr gut
bestückt“, merkt Raphael Wressnig, der immer größere Kreise ziehende
Hammond B3-Organist durchaus wissend und gleichzeitig ein wenig
selbstironisch im Interview mit dem CONCERTO an. Seine neue Aufnahme
„Party Factor“ (bhm) gibt jedoch Gelegenheit, hinter der scheinbar
bekannten künstlerischen Oberfläche weitere, tiefer liegende Schichten zu
entdecken.
Das
Raphael Wressnig Trio des aus Radkersburg stammenden Hammond B3-Whizzards
mit dem Gitarristen Georg Jantscher und Schlagzeuger Lukas Knöfler gehört
sicher zu den bekanntesten Live-Acts in Österreich, die zahlreichen ersten
Plätze bei den Concerto-Leserpolls sind sichtbares Zeichen dafür. Wie
stark sich Raphael Wressnig aber auch international etabliert hat, zeigen
nicht nur seine regelmäßigen Tourneen mit Gästen wie den Gitarristen Alex
Schultz , Enrico Crivellaro, dem Engländer Jim Mullen oder auch dem
Saxofonisten und Sänger „Sax“ Gordon Beadle, sondern auch seine
Einladungen in internationale Bands wie jene des amerikanischen
Blues-Gitarristen Larry Garner oder auch in die Allstarband der Women of
Chicago Blues.
Große
Besetzung
Seine großen Fähigkeiten als musikalischer Kommunikator mussten Wressnig
zwangsläufig einmal zu einer großen Besetzung als Bandleader führen, die
eine sehr weit gestreute Reihe seiner künstlerischen Freunde in drei
Sessions versammelte. „Die Idee reift in mir schon seit einigen Jahren. Da
es auf meinem Label BHM zahlreiche Groove-Jazz-Projekte wie etwa jenes von
Maceo Parker gibt, hat mich der A&R-Chef von BHM, Uwe Hager, auch
daraufhin einmal angesprochen, für eine kommende Aufnahme einmal mit einem
Bläsersatz zu arbeiten. Nach einigen Konzerten in der letzten Zeit mit
Saxofonisten wie Craig Handy auf meiner letzten Platte oder auch mit ,Sax'
Gordon Beadle, gab es dann durch ein Projekt 2009 bei ,Most & Jazz ' in
Fehring die Möglichkeit, eine spezielle Band für dieses Festival
zusammenzustellen. Der ,Einspiel'-Auftritt mit meinen Trio-Gästen Craig
Handy, Horst-Michael Schaffer, Robert Bachner und Luis Ribeiro im Porgy &
Bess und jener danach in Fehring waren zwei Super-Konzerte, was für mich
jedoch auf Grund meiner Erfahrung mit diesen Musikern schon abzusehen
war.“
Die „Party Factor“-Sessions im Studio hatten aber schon zuvor begonnen,
als „,Sax' Gordon, der aus der Rhythm & Blues-Ecke kommt, mich zu seiner
eigenen Aufnahme einlud. Als noch abzusehen war, dass Extra-Zeit im Studio
frei wäre, haben wir die Kosten geteilt und konnten dadurch drei Stücke
mit ihm und Musikern wie Alex Schultz, dem Trompeter Scott Steen und
Silvio Berger einspielen. Zu einer weiteren Session im Mai kamen neben
meinem Trio noch Craig Handy, Scott Steen, Werner Puntigam, Luis Ribeiro
und ,Sax Gordon', für die abschließende im November waren als Gäste
Horst-Michael Schaffer, Robert Bachner, Louis Riberro, Craig Handy und
Harry Sokal eingeladen.“
Neues
Konzept
Für die
Einspielung von „Party Facor“ hat Wressnig nicht eigens Stücke komponiert,
„ich wollte zwar immer schon mit ,horns' aufnehmen, doch war es eher so,
dies als Ausgangspunkt dafür zu nehmen, in dieser Form meine Songs und
Ideen zu verwirklichen, bei den Sessions ist dann genügend Material für
zwei Platten entstanden. Während meine bisherigen CDs bei aller
Vielgestaltigkeit im Bereich von funky, Jazz & Blues mit einem High
Energy-Level doch immer sehr abgerundet waren, bin ich diesmal doch
konzeptueller vorgegangen. Während ,Party Factor' zwischen Groove Jazz &
Soul Jazz dem Hörer einfach das Gefühl geben soll, mit uns eine 'Good
Time' zu erleben, wird das zweite im Winter erscheinende Album eher laid
back, traditioneller, swingiger und jazziger sein. Ich habe mir vor den
Sessions nicht wirklich darüber Gedanken gemacht, in welche musikalische
Richtung diese Reise gehen sollte, dass die jeweiligen Songs sich auf
diese Weise entwickelt haben, ist für mich aber im Rückblick betrachtet
logisch gewesen. Das Album ist eben aus dem Live-Kontext entstanden, in
dem starke Solisten wie Craig Handy, Harry Sokal oder ,Sax' Gordon die
Lead Lines mitspielen und auch als Kontrast mit ihren Riffs unter das
Orgelthema gehen. Die Horns dienen dazu, diese Themen rhythmisch zu
akzentuieren, sie sorgen für die Funkyness und unterstützen markant den
Groove der Rhythmsection. Während etwa der klangliche Teppich von Gitarre
und Hammond B3 kommt, bilden die Bläser die Bridge zum Thema, das dann von
der Orgel aufgenommen wird, die Horns können daher auch sehr gut als
Stilmittel eingesetzt werden. Bei den Jazzballaden bilden die Bläser
dagegen das Sahnehäubchen über dem Orgelsound, ich kann also mit dieser
Band beide Möglichkeiten nutzen.“
Das
Live-Leben
Die gesamte Besetzung von „Party Factor“ auf die Bühne zu bringen, sieht
Raphael Wressnig durchaus realistisch als eher schwierig zu realisieren,
„das wird sicher nur bei Sommerfestivals möglich sein, die sich ein großes
Line Up mit Gästen wie unsere Band leisten können. Idealerweise ist die
,Party Factor-Band' in voller Besetzung ein Septett mit Bläsern und Luis
Ribero als Perkussionisten, es geht aber natürlich auch mit einem
dreistimmigen oder zweistimmigen Satz in einer abgespeckten Version, etwa
mit Harry Sokal und den Bachner-Brüdern, Craig Handy wird eher nur
vereinzelt zur Verfügung stehen. In den Clubs während der übrigen Zeit
wird meist das Trio mit einem Saxofonisten eher im bluesigen Umfeld zu
hören sein, das hängt auch damit zusammen, dass die einzelnen ,Szenen' in
Europa strenger getrennt sind als in den Staaten. Um für die
unterschiedlich interessierten HörerInnen und Veranstalter klarer
erkennbar zu sein, bin ich auf dem bhm-Label mit den groovigeren
Projekten, mit Blues-Aufnahmen auf
Pepper Cake Records vertreten. Bei
Live-Konzerten richtet sich die Musik also meist nach der Art und Größe
der Location, welche Mitmusiker ich wähle, daraus entwickelt sich dann
auch der jeweilige Sound der Konzerte.“
Mehr als
Tradition – die Hammond B3
Als Hammond B3-Organist ist man vielfach mit Vorurteilen gegenüber dem
sehr speziellen Klang des Instruments und dessen langer Tradition in der
Jazz- und Bluesgeschichte konfrontiert. Obwohl es auch unzählige Fans
dieses unverwechselbaren Sounds gibt, steht die Hammond B3 meist für Old
Fashioned Jazz und gut geöltes Bluesvehikel, der Ruf der Moderne wird
damit nicht verbunden. Raphael Wressnig sieht in seinem Spiel „viele
moderne Einflüsse, ich sehe mich in einer künstlerischen Linie mit der
Musik von Jimmy McGriff, der auch eher im Bluesbereich eingeordnet wird
oder auch jener von Jack McDuff.
Vieles aus
ihrem Spiel findet sich bei bekannten Kollegen von mir wie etwa Larry
Goldings, der von Maceo Parker kommt oder auch in jenem von John Medeski (Medeski,
Martin & Wood). Vielleicht bin ich ihrer künstlerischen Spielauffassung
sehr ähnlich, aber einfach nur in stärker blues-orientierten Projekten zu
hören. Auch das Organ-Trio von James Carter ist oft sehr bluesig, aber
dies wird bei amerikanischen Musikern meist nicht so genau beachtet, da
sind die Stilistiken nicht strikt von einander getrennt. Gerade bei John
Medeski sehe ich viele dieser direkten ,alten' Einflüsse, natürlich viel ,hipper'
und immer im Jetzt stehend. Entscheidend ist oft der Umkreis eines
Musikers, woher er kommt, was sich dann daraus entwickelt. Bei John
Medeski ist das Ergebnis einerseits kammermusikalischer, andererseits aber
speziell durch junge Drummer wie Chris Wood, die vielfach aus der
Gospel-Ecke kommen und stark funkende Rhythmen spielen, viel heftiger. Bei
mir kommt die Musik aus dem amerikanischen Blues, ist viel schwärzer,
härter und lauter, auch mit mehr Punch gespielt. Wir haben also einen
durchaus ähnlichen Zugang, bei ihm aber mit mehr Jazz-Appeal und
intensiver improvisierend. Es wäre interessant, mit Medeski bei
Gelegenheit über diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu plaudern.“
Verlässlicher
künstlerischer Partner
Raphael
Wressnig ist nicht nur ein sehr aktiver Bandleader, sondern gilt auch –
selten in Österreich - international als gefragter Sideman. „ Manche
Kollegen schätzen mein weites künstlerisches Spektrum und – vielleicht
weniger beachtet – meine Verlässlichkeit, wenn es für einen anderen
Leader, speziell im Bluesbereich, darum geht, musikalische Verantwortung
an jemanden abzugeben. Es macht mir und uns einfach Spaß miteinander, es
passt ganz einfach musikalisch und menschlich, man vertraut dem jeweils
anderen. Wenn zwei Frontleute auf der Bühne stehen, muss es eine
gemeinsame Schnittmenge geben, so wie mit ,Sax' Gordon, der aus dem Rhythm
& Blues und der Zeit der Old Fashioned Soul Platten kommt. Die Kollegen
aus New York sind ein wenig anders gelagert, da passt meine Stilistik oft
besser mit manchen amerikanischen Musikern zusammen. Craig Handy habe ich
auch auf ähnliche Weise kennengelernt, Eric Zawinul hat mich dem
Saxofonisten als Begleitmusiker für eine Tour vorgeschlagen, da hat die
Chemie vom ersten Moment an zwischen uns beiden gepasst, mittlerweile sind
es zwei gemeinsame Platten geworden.
Einflüsse
von außen
Wie verändern Kollegen von internationalem Rang die eigene Musik? „Man
beobachtet sich natürlich auch selbst, doch für mich ist ein wesentliches
Kriterium, das zu hinterfragen, was jemand meinen Songs hinzufügen kann.
Es gibt in Österreich viele tolle Musiker, die man auch bei der Aufnahme
hören kann, aber jemand wie Craig Handy bringt einen Grad an
Sophistication mit, den man so sehr selten findet. Es gibt zwar viele, die
stark solieren können, aber so wie Craig mit der Flöte spielt, die er beim
ersten Mal mit mir bei einem Chuco Valdes-Song einsetzte, nimmt meine
eigene Musik eine andere Wendung, geht in eine neue Richtung, scheint auf
eine gewisse Art zu reifen. Das ist das Besondere bei außergewöhnlichen
Künstlern, dass sie der Musik einen ganz bestimmten Spin geben. Es ist
zwar zeitlich und organisatorisch aufwändiger, mit ihnen zu arbeiten,
macht aber letztlich auch mehr Spaß. Ähnlich ist das auch mit Alex
Schultz, der eine ganz besondere Note in die Stücke einbringt und dessen
Spiel einen hohen Wiedererkennungswert besitzt, das sind dann ganz
besondere Farbtupfer.“
Zwischen
Trio und BAND
Raphael Wressnig konzipiert seine Stücke nicht auf eine Besetzung hin:
„Ich denke, jede Idee findet ihre bestimmte Form, manches probiert man
zwar in der großen Besetzung aus, findet aber letztlich, dass dafür das
Trio völlig ausreicht und genau passt. Man kann das nicht immer steuern,
dafür gibt es auch diese unterschiedlichen Bandgrößen. Mit der „Party
Factor“-Band wird es sicher schwieriger zu planen und gemeinsame Termine
zu finden, doch zwischen diesen Ensembles wechseln zu können, aber auch
mit Musikern wie Alex Schultz in Ländern wie Holland oder Belgien zu
touren und dort auf ein neues Publikum zu stoßen und für meine Musik zu
interessieren, macht große Freude. Vielleicht ist die neue Aufnahme für
viele, die mich in die eine künstlerische Ecke oder eine andere stecken,
ein großes ,Aha'-Erlebnis, finden sich doch auch in der Contemporary
Music von James Carter, James Blood Ulmer oder Roy Hargrove viele
Blueselemente. Vielleicht gelingt es mir in Zukunft immer mehr, die
unterschiedlichen Einflüsse zu verbinden und beide Bereiche – Blues und
Jazz – abzudecken. Thomas Hein
CD-Tipp:
Raphael Wressnig, „Party Factor“, BHM/2010, Vertrieb Echo/zyxx
Web-Tipp:
www.raphaelwressnig.com
Live-Tipp:
22.08. Kurhotel im Park, Bad Radkersburg
03.09.: Sunnseitn' Festival, Klagenfurt
04.09.: Ibamali Pub, Stanz i. Mürztal
10.09.: Embassy, Wolfsberg
17.09.: Jazzclub-Urbankeller, Salzburg
18.09.: Porgy & Bess,Wien
29.09.: Groove & Boogie Night, Tegernbach |